Vom Lesenlernen zum Lesen
Um Jugendlichen mit Leseschwierigkeiten gerecht zu werden, muss einer systematischen Leseförderung ein theoretisches Modell von Lesekompetenz zugrunde liegen, das alle Textsorten einschliesst. Cornelia Rosebrock und Daniel Nix haben ein dreiteiliges Modell von Lesekompetenz entworfen, das dieser Forderung entspricht und das sich für die Verwendung in der Lesedidaktik sehr gut eignet. Es wird hier in Form einer tabellarischen Übersicht vorgestellt und anschliessend erläutert.
| Ebene der Lesekompetenz | Zugehörige Ziele und Leitfragen |
|---|---|
| 1. Prozessebene | Texte verstehen |
| hierarchieniedrige Stufe der Lesekompetenz, bei erfahrenen Lesenden automatisiert | Was ist ein Wort? Welche Wörter bilden zusammen Sätze? |
| Wort-/Satzidentifikation | Wie hängen die Sätze zusammen? |
| Lokale Kohärenz | |
| hierarchiehohe Stufe der Lesekompetenz, verlangt bewusste Anstrengung | In welchem Verhältnis stehen die Abschnitte zueinander? |
| Globale Kohärenz | Wie ist der Text organisiert? |
| Superstrukturen erkennen | Welche Stilmittel werden verwandt? |
| Darstellungsstrategien identifizieren | |
| 2. Subjektebene | Einen eigenen Zugang zum Lesen finden |
| Wissen, Beteiligung, Motivation, Reflexion | Wieso lese ich diesen Text? |
| SELBSTKONZEPT ALS (NICHT-)LESERIN | Was weiss ich über das Thema des Textes? |
| Traue ich mir zu, diesen Text zu verstehen? | |
| 3. Soziale Ebene | Sich als Lesende als Teil einer Gemeinschaft erleben |
| Familie, Schule, Peers, kulturelles Leben | Wie bewertet meine Umwelt, dass ich diese Texte lese? |
1. Prozessebene
Rosebrock und Nix gehen von der Prozessebene aus, die die kognitiven Aktivitäten des Leseprozesses umfasst.
Globale Kohärenz - Zusammenhang herstellen
Auf dieser hierarchieniedrigen Ebene findet das Dekodieren statt: Buchstaben, Wörter und Sätze werden identifiziert und zu lokalen Sinneinheiten in und über mehrere Sätze hinweg zusammengefasst: Der Zusammenhang zwischen den Sätzen, die lokale Kohärenz, wird hergestellt.
Zur Illustration ein paar Sätze aus einem Sachtext über Hormone aus dem Buch „Der Mensch“ aus der Reihe „Wissen mit Links“:
BEISPIEL:
Das endokrine System reguliert wie das Nervensystem viele Körperfunktionen. Es besteht aus vielen Drüsen, die Hormone – chemische Botenstoffe – freisetzen. Sie werden in das Blut ausgeschüttet und regulieren z. B. Wachstum und Fortpflanzung. Die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) ist die wichtigste Drüse. Sie setzt Hormone frei, die bei anderen Drüsen eine Hormonfreisetzung auslösen.
REAKTION
Mögliche Reaktion eines lesenden Schülers / einer Schülerin während der Herstellung lokaler Kohärenz: „Der Satz enthält eine Menge unbekannter Begriffe, die ich verstehen muss.“ Sind diese Sätze mit ihren schwierigen Wörtern und Fachbegriffen erst einmal als eine lokale Sinneinheit identifiziert, folgt die nächste, hierarchiehohe Stufe.
Auf der hierarchiehohen Stufe der Lesekompetenz findet die Herstellung globaler Kohärenz statt: „Ich bin jetzt im Textabschnitt, der beschreibt, was Hormone sind und was sie tun. Wahrscheinlich kommt nach diesem Abschnitt etwas über Sex und Pubertät. Das hat doch auch etwas mit Hormonen zu tun. Ah, und Stress, denn da hat es ein Foto von einem Mann, der vor einem Stier flüchtet.“
SUPERSTRUKTUR
Als Superstruktur des Textes bezeichnen Rosebrock und Nix die abstrakte Ebene der inhaltlichen Textkonstruktion: Schülerreaktion während der Analyse der Superstruktur: „Das Verteilungssystem der Hormone wird hier als endokrines System vorgestellt. Über die Hirnanhangdrüse wird am meisten geschrieben, weil sie andere Drüsen steuert, die Hormone ausschütten.“
Die höchste Stufe der Lesekompetenz ist erreicht, wenn Lesende fähig sind, während des Lesens formale und inhaltliche Darstellungsstrategien wahrzunehmen:
Schülerreaktion während der Analyse der Darstellungsstrategien: „Die Beschreibung des endokrinen Systems enthält viel Information und viele Fremdwörter und Fachbegriffe. Die Sätze enthalten viele lange Nomen. Der Text ist schwierig zu verstehen. Dank des Beispiels und dem Foto vom flüchtenden Mann verstehe ich besser, worum es geht.
2. Subjektebene
Auf der Subjektebene kommt neben den oben genannten kognitiven Aktivitäten auch die Persönlichkeit des Lesenden ins Spiel. Um trotz Anstrengung und Schwierigkeiten eine höhere Stufe der Lesekompetenz anzustreben, braucht es Motivation. Das persönliche Weltwissen und die Reflexion des Textes in eigenen Erfahrungen spielt eine grosse Rolle auf dem Weg zum Verständnis eines Textes. Entscheidend ist auch das Selbstkonzept. Wer sich als Leserin, Leser versteht, ist bereit, mehr Anstrengung in den Leseprozess zu stecken.
3. Soziale Ebene
Auf der sozialen Ebene schliesslich spielt die Kommunikation mit anderen über die Lektüre, die Anschlusskommunikation, eine entscheidende Rolle: Sie vertieft das Leseverständnis und bietet einen zusätzlichen Leseanreiz. Sie kann die Zugehörigkeit des oder der Lesenden zu einer bestimmten Gruppe (Peers) festigen, die sich für dasselbe Lektürethema interessiert.
