Mehrwert eines E-Portfolios

Bei allen neuen Errungenschaften, welche uns das Internet oder allgemein die Technik bringt, darf oder soll man die Frage stellen dürfen: Was ist der Mehrwert dieser Neuerungen? Was kann ich damit machen, was ich nicht schon vorher konnte? Die Frage nach dem Verhältnis von Aufwand und Ertrag wird auch zusehends in Bildungsinstituten gestellt und ist nicht mehr nur eine Frage von Wirtschaftsunternehmen. In der Folge sind wesentliche Vorteile eines elektronischen gegenüber eines papierbasierten Portfolios aufgeführt (9) vgl. Kugler 2008).

Schulung von Computergrundkenntnissen

Wie bereits unter dem Kapitel Funktionen eines E-Portfolios erwähnt, lassen sich mit dem Erstellen von elektronischen Portfolios Computergrundkenntnisse schulen. Dieses inzidentelle (beiläufige) Lernen darf gerade in der Volksschule nicht unterschätzt werden, da in vielen Kantonen die Medienkompetenzen integrativ im Regelunterricht geschult werden müssen. Für die lebenslangen Lerner und –lernerinnen geht es darüber hinaus aber auch darum, das Lerntagebuch und im Speziellen das E-Portfolio als bewährtes Lern-Instrument zu erkennen, welches sie auch auf ihrem zukünftigen Lernweg begleiten könnte.

Reflexion des eigenen Lernprozesses

Durch den Einsatz eines E-Portfolios kann die persönliche Auseinandersetzung mit Lerninhalten und Lernzielen auf einer Ebene gefordert werden, wie sie im lehrerzentrierten-kursorischen Unterricht nur schwer möglich ist. Das Portfolio ist besonders geeignet, wenn es darum geht, sich mit eigenen Erfahrungen und Einstellungen kritisch auseinanderzusetzen und den eigenen Lernprozess zu reflektieren. Das didaktische Prinzip könnte etwas salopp bezeichnet werden als „from Teaching to Learning“. Der Vorteil eines E-Portfolios gegenüber einem papier-basierten Portfolio ist, dass der Lernprozess über eine lange Dauer reflektiert werden kann. Die Lernprozesse können über die ganze Dauer eines oder mehrerer Schuljahre dokumentiert und reflektiert werden. Dies lässt eine Sichtweise zu, welche den Umfang eines herkömmlichen Portfolios übersteigen würde.

Verlinkung mit eigenem Werdegang

Zusätzlich lässt es die hypermediale Verweisstruktur zu, Links zur eigenen Entwicklung zu setzen. Mit dieser Hypertext-Technik, welche so nur beim E-Portfolio möglich ist, kann sich der Lernende mit sich selber verlinken. Es ist ihm ohne Aufwand möglich, Verweise zu früheren Einträgen, Problemen, Erkenntnissen, Arbeiten und Zielen zu knüpfen und so die Reflexion über eine ganze Ausbildung/Schulzeit zu tätigen. Die Anordnung der Beiträge bleibt in der chronologischen Reihenfolge (Ordnung) erhalten, die Verlinkung lässt aber eine nicht sequentielle Rückschau oder gar Arbeitsweise zu.

Dialog unter Lernenden

Die Verlinkung kann aber zusätzlich auch zum Internet und so zu anderen Mitschülerinnen und Mitschülern genutzt werden. Dies lässt einen Dialog unter Lernenden zu, welcher bei geschriebenen Portfolios nicht möglich ist, da diese weniger gegenseitig gelesen oder gar kommentiert werden. Die Einträge habe dadurch eine unmittelbare Wirkung. Diskussionen können über Themen geführt werden, wenn diese noch heiss beziehungsweise aktuell sind. Im öffentlichen Teil des E-Portfolios könnten analog dem Blog auch Fragen an Mitschülerinnen und Lehrpersonen gestellt werden. Die Antworten und evtl. die vorgeschlagenen Lösungen bleiben in dieser digitalen Form erhalten und können so auch anderen zur Verfügung gestellt werden. Der Wissenstransfer spielt so in einer ganzen Klasse oder Semesterzug und das E-Portfolio jedes einzelnen wird in der Summe zum virtuellen Wissensraum.

Förderung des kooperativen Lernens

Das E-Portfolio ist somit eine Lernform, welche kooperatives Lernen ermöglicht und auch fördern kann. Kommunikation und Austausch mit anderen über Lernprozesse, Hürden, Erfahrungen, (Selbst-)Kritik und Verbesserungsvorschläge sowie persönliche Anmerkungen sind erwünscht oder gar gefordert. Die Diskussion mit Lehrenden, Experten oder Mitstudierenden über den Prozess des Lern- und Wissenserwerbs ist ein zentraler Bestandteil im Lernen aus konstruktivistischer Sicht. Sich als Experten einbringen, das Lernen von und mit anderen in wechselnden Gruppen, Fehler und Umwege machen zu dürfen, sein eigenes Lernen zu beobachten sind Aspekte, welche der Lernende in dieser Sichtweise des Lernens machen darf und soll.

Multimediale Präsentation

Das E-Portfolio lässt es zu, sein Wissen und Entwicklungsschritte in allen multimedialen Ausdrucksformen zu präsentieren. Multimediale Technologie bzw. die Digitalisierung ist das zentrale Glied aller Medien und Kommunikationstechniken. „Durch die Digitalisierung kann jede mediale Information auf einem System verarbeitet werden: Es entstehen Multimediasysteme und neue interaktive Medien, bei denen das Zusammenwachsen von Medien-, Computer- und Kommunikationstechnik besonders deutlich sichtbar wird“ (10) Kerres 2001). Mediale Datentypen wie Bild, Ton, Grafik und Video können die tatsächlichen Umsetzungen und Arbeiten in einer Art und Weise dokumentieren, wie sie in einem textbasierten Portfolio nicht möglich sind.

Langfristige Verwendung der Inhalte

Das Bereitstellen der Artefakte in der digitalen Form fördert das langfristige Verwenden von Inhalten. Die Einträge lassen sich digitalisiert auch leichter transportieren. Das gesamte E-Portfolio lässt sich so in ein neues E-Portfolio einer anderen Institution importieren. Diese Möglichkeit der Transformation ist mitunter ein wichtiges Kriterium bei der Wahl einer E-Portfolio-Plattform. Die technischen Voraussetzungen einer solchen Plattform sollten eine Schnittstelle bieten, welche von anderen Plattformen unterstützt wird. Für die Bewerbung am Ende der Schulzeit oder des Studiums können die Einträge z.B. zur Bewerbungsmappe zusammengestellt werden, indem einzelne Artefakte in das nachfolgende System implementiert werden könnten.

"Aktive Typographie"

Die digitalisierten Druckwerke sind im E-Portfolio keine passiven Typographien, sondern sind als manipulierbare Objekte zu verstehen. Objektorientierte Interaktivität und Responsivität verbindet sich zu einem Konzept, welches Keil-Slawki (11) Keil-Slawik, 2005) als „Aktive Typographie“ bezeichnen. „Aktive Typographie kennzeichnet somit eine Medienqualität, die neu ist, da im Gegensatz zu den analogen Medien zum ersten Mal in unserer Kulturgeschichte das Objekt der Wahrnehmung auch zugleich das Objekt der technisch zugänglichen Manipulation wird. Noch wichtiger aber ist, dass diese Manipulation zugleich verteilt und kooperativ erfolgen kann, sodass eine direkte Interaktion zwischen Autor und Leser möglich wird, da die mit analogen Medien notwendigerweise verbundenen Medienbrüche aufgehoben werden können“ (12) Berntzen, D., Gehl, M., Hempel, M. 2006).

Charakteristik selbstgesteuerten Lernens

Auch virtuelle Lerngemeinschaften leben von menschlichen Beziehungen. Es stellt sich also mitunter die Herausforderung, wie Lerngruppen ihre Aktivität auch im Netz fortsetzen und ergänzen können. Eine E-Portfolio-Plattform könnte Dokumente in Ordnern zusammenfassen und strukturieren. Der Raum ist so eine Sammelstelle, welche der Lehrperson eine einfache Möglichkeit zur Strukturierung von Information für die zu betreuende Gruppe bietet. Das E-Portfolio im öffentlichen Bereich könnte auch die Funktion einer Bibliothek, Datenbank übernehmen und wäre, angereichert mit entsprechenden Tools, auch Forum und Treffpunkt. Es würde Lernende zusammenführen und könnte die Kommunikation in einer Gruppe Lernender koordinieren.

Die Kombination aus Lernen vor Ort und im virtuellen Raum wird als Blended-Learning bezeichnet, ein Synonym für den im deutschen Sprachgebrauch verwendeten Begriff hybrides Lernen. Ob die Kombination aus beiden Möglichkeiten effizienter ist und dadurch ein Mehrwert gegenüber einem normalen Portfolio entsteht, kann nur vermutet werden. Durch das Angebot des virtuellen Raumes, welcher in diesem Fall das E-Portfolio bieten würde, ist das synchrone Lernen im Klassenzimmer vor Ort nicht mehr das einzige, sondern dem Lernenden wird mit dem virtuellen Klassenzimmer ein Lernraum zur Verfügung gestellt, welcher auch asynchron genutzt werden kann. Das Aufbrechen des gleichgetakteten Lernens durch die Möglichkeiten des virtuellen Raumes kommt der Charakteristik des selbstgesteuerten Lernens entgegen. Der individuell organisierte, aktive Prozess des Lernens wird durch die Zeit- und Ortsunabhängigkeit, durch individuelles Lerntempo und persönliche Lerngewohnheiten begünstigt.

Portfolio-Bewirtschaftung dank RSS Feed

Mit der Funktion eines RSS Feed kann die Lehrkraft sich automatisch generierte Meldungen zukommen lassen, die sie über neue Einträge und Kommentare informieren, ohne das sie die Seiten selbst ansurfen muss. Dies ermöglicht eine effiziente Bewirtschaftung von mehreren E-Portfolios gleichzeitig. RSS in E-Porfolios oder Weblogs wird von Farmer/Barlett-Bragg als entscheidende Neuerung angesehen: „RSS has allowed for the instruction of an entirely new mode of communication and interaction with information artefacts“ (13) Farmer/Barlett-Bragg, 2005). Da der Autor selber entscheiden kann, was über einen Feed gemeldet werden soll, haben Lerner (Autor) und Lehrperson die Kontrolle über den Austauschprozess. Dies erleichtert die Kommunikation wesentlich. Farmer/Bartlett-Bragg machen RSS mitunter für den Erfolg von Blogs im Bildungswesen verantwortlich.

Bibliographische Liste

  • 9) Kugler, R., (2008) Mehrwert eines ePortfolios, Projektarbeit im Nachdiplomkurs eLearning des Instituts für Kommunikationsforschung IKF Luzern, Schweiz

  • 12) Berntzen, D., Gehl, M., Hempel, M. (2006) Zukunftswerkstatt Lehrerbildung: Neues Lehren und Lernen durch E-Learning. (S. 16)

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